Marie Davidson schaut tief in ihr Spiegelbild

Auf Marie Davidsons neuem Album schaut sie tief in ihr Spiegelbild: „Working Class Woman“, das am 5. Oktober 2018 auf Ninja Tune erscheint, ist die vierte und selbstreflexivste Platte der in Montreal lebenden Produzentin: ein Dokument ihres Geisteszustandes und ihrer Arbeit in den Bereichen der Tanzmusik und Clubkultur. Ausgehend von diesen Erfahrungen sowie einer Reihe von Schriftstellern, Denkern und Filmemachern, die sie beeinflusst haben, ist Davidsons Antwort auf solche schwierigen Momente, ihre eigene Reaktion darauf zu erforschen und sich darüber lustig zu machen. Der Sound von „Working Class Woman“ ist direkter als jede ihrer bisherigen Veröffentlichungen.

Die Einflüsse sind immer noch die gleichen, von Italo Disco über Electro bis hin zu Proto-Industrial, allerdings führt sie durch das Album mit dem Druck eines heftigen Schlags in die Magengrube, was das Album zu einer Platte macht, die intuitiver ist als alles andere, was sie bisher veröffentlicht hat. Viszeraler, eben. Die industrielle Schwere ihres Sounds wird durch Davidsons gesprochenen Text (statt „spoken word“ – einem Begriff, den sie in einer eigenen Tradition sieht) zwar ausbalanciert, wenngleich nicht weniger verstärkt: dunkle und strukturierte Klanglandschaften werden durch Aussagen ausgeglichen, die eine fast schwarzhumorige Note haben und sowohl Aspekte der Clubkultur beobachten als auch Kritik an der modernen Welt und der Weise, wie wir heutzutage leben, üben.

Am besten eingefangen ist dieses Ganze im treibenden Moment der Lead-Single „So Right“, die heute zusammen mit einem John Talabot-Remix des Songs veröffentlicht wird: reduzierte Texte werden mit einer melodischen Bassline und hellen Synthies verbunden, ihre Worte skizzieren ein euphorisches Gefühl, das mit der Musik selbst spielt. Aufbauend auf den Dancefloor-Bezug ihres vorherigen Albums „Adieux Au Dancefloor“ (2016, Cititrax/ Minimal Wave), das von u.a. Pitchfork („ein Projekt, das ein aufregendes und fast exponentielles Wachstum ihrer Fähigkeiten als Autorin und Produzentin aufzeigt“), The Fader und Resident Advisor hoch gelobt wurde, erschloss sich auch ein neues, breiteres Publikum ihren Sound, der von Kolleginnen wie Nina Kraviz und Jessy Lanza unterstützt wurde.

Die Platte ist geprägt von einer Karriere, die viele musikalische Abzweigungen kannte: da war beispielsweise das Ambient-beeinflusste Album mit Xarah Dion als Les Momies De Palerme für das in Montreal beheimatete Constellation-Label (wo u.a. die glorreichen Godspeed! You Black Emperor zuhause sind), ferner ihr Synth-Disco-Duo DKMD (mit David Kristian) und obendrein noch Essaie Pas, das bei LCD Soundsystems DFA-Label erscheint und mit dem sie in Zusammenarbeit mit Ehemann und musikalischem Mitstreiter Pierre Guerineau Minimal-Synth und „Cyberpunk Coldwave“ (The Guardian) in eine neue Form gebracht hat.

Als „Workaholic“, wie sich Marie Davidson auch selbst sieht, kann das neue Album als Antwort auf das Tourleben gesehen werden, das den größten Teil ihres letzten Jahres bestimmte und das sie einerseits bereichernd, andererseits aber auch als austrocknend empfindet.