Charles Bradley – I Feel A Change

Am 5. November 2018 wäre Charles Bradleys 70. Geburtstag gewesen. Zur Feier seines außergewöhnlichen Lebens wird am 9. November 2018 auf dem Daptone Imprint Dunham Records sein viertes und letztes Album erscheinen. „Black Velvet“ präsentiert zehn Studioaufnahmen, die noch nie zuvor auf einem Album zu finden waren, darunter die Lead Single “I Feel A Change” zu dem auch ein Video unter der Regie von Living On Souls’ Jeff Broadway & Cory Bailey produziert wurde. Charles war ein wahrhaft transzendenter Sänger. Einer, der ein bemerkenswertes Leben geführt und unglaubliche Widrigkeiten überwunden hat, um erst sehr spät in seinem Leben zu großem Erfolg und internationaler Anerkennung zu gelangen. Das Besondere an ihm war, dass er seinen Schmerz als Schrei nach universeller Liebe und Menschlichkeit verstand. Er fühlte, dass, wenn er nur genug liebte – wenn wir uns alle genug liebten – wir den Schmerz und die Traurigkeit der Welt überwinden könnten. Deshalb sprang er von der Bühne und versuchte buchstäblich, jeden zu umarmen, den er konnte. Deshalb kümmerte er sich so sehr um eine Mutter, die ihn verlassen hatte. Deshalb sang und tanzte er wie ein Derwisch. Deshalb schrie er wie ein Adler. Und deshalb lieben wir ihn.

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„Black Velvet“ ist eine Feier. Eine Feier für Charles Bradley, liebevoll zusammengestellt von seinen Freunden und seiner Familie bei Dunham/Daptone Records. Obwohl das Material – chronologisch – Charles’ gesamte Karriere umfasst, ist dies keine Anthologie, kein “Greatest Hits”-Album oder ein stumpfes Wiederkäuen der Songs, die ihn berühmt gemacht haben. Vielmehr ist dieses Album eine Erkundung der weniger bekannten Orte des gefühlvollen Universums, das Charles und sein langjähriger Produzent, Co-Autor und Freund Thomas “TNT” Brenneck gemeinsam im Studio erschaffen haben. Es enthält neue Songs, die während der Sessions zu jedem seiner drei Alben aufgenommen wurden und hier zum ersten Mal in ihrer ganzen Pracht zu hören sind: “Can’t Fight the Feeling”, “Fly Little Girl” und das herzzerreißende “I Feel a Change”; Hardcore-Raritäten wie sein Funk-Duett mit LaRose Jackson, “Luv Jones”, der psychedelische Groover, “(I Hope You Find) The Good Life” und die immer wieder überraschende, elektrifizierte Bandversion von “Victim of Love”; die begehrten Cover von Nirvanas “Stay Away”, Neil Youngs “Heart of Gold” und Rodriguez’ “Slip Away” sowie den Titeltrack “Black Velvet”, ein mitreißendes Instrumental der Menahan Street Band, zu dem Charles leider nie seine Stimme beisteuern konnte.

Die Geschichte von Bradleys bemerkenswertem Aufstieg aus den Tiefen der Armut, Vernachlässigung und Gewalt zu den Höhen internationaler Berühmtheit wurde oft erzählt. Die schweren Zeiten hat er in autobiographischen Songs wie “Why Is It So Hard” und “Heartaches & Pain” verarbeitet, als er am Tag der Ermordung seines Bruders Joseph durch Schüsse und dem Geräusch von Sirenen wach wurde. Auch in Charles Bradley: Soul of America, Poull Briens Dokumentarfilm von 2012, der Charles in den Tagen vor der Veröffentlichung seines bahnbrechenden ersten Albums No Time For Dreaming begleitet, ist dies dokumentiert. Obwohl Bradley sein erstes Album erst 2011 veröffentlicht hat, begann seine Beziehung zu Daptone Records gut ein Jahrzehnt früher, als ein Freund ihm riet, an die Tür des Daptone Mitbegründers Gabriel Roth in Williamsburg zu klopfen. “Ich hörte, du suchst einen Sänger”, sagte er zu Roth (bis heute konnte Roth das Rätsel nicht lösen, wer Bradley geschickt hatte, oder wie er an seine Adresse kam). Auf Drängen von Bradley kamen Roth und sein Partner Neal Sugarman in die Tarheel Lounge in der Bedford Street, um Charles als “Black Velvet” zu sehen – sein James Brown-Cover-Act mit Jimmy Hill’s Allstarz. Obwohl sie Coverversionen spielten, waren Roth und Sugarman von Bradleys rauem Feeling und Rhythmus beeindruckt. Bereits wenige Wochen später nahmen sie im Studio “Take It As It Come” auf, das 2002 als erste Single von Charles Bradley erschien und auf Daptones zweiter Veröffentlichung, The Sugarman 3 & Co’s Pure Cane Sugar, zu hören ist.

Bradley wurde ein wichtiger Teil der Daptone-Familie, sowohl musikalisch als auch darüber hinaus. Als Daptone das zweistöckige Haus in Bushwick übernahm, das unter dem Namen “House of Soul” bekannt wurde, verputzte er die Wände, baute die Kellertreppe wieder auf und brachte Roth bei, wie man Heizkörper installiert. Er überredete ihn sogar, eine neue Gasleitung in die Küche zu legen, um auf einem Gasherd für die Daptone-Familie Daptone kochen zu können. Im Jahr 2003 brachte Roth Charles Bradley nach Staten Island, um Thomas “TNT” Brenneck – damals einer der Gitarristen der Dap-Kings – und dessen Band The Bullets zu treffen. Sie verstanden sich auf Anhieb, nahmen eine Handvoll Singles für Daptone auf und spielten Shows zusammen. Später zog Brenneck nach Bushwick, begann, Instrumentalaufnahmen zu machen und veröffentlichte schließlich das Debütalbum der Menahan Street Band, Make the Road by Walking auf Brennecks eigenem Daptone Imprint Dunham Records. Brenneck wollte allerdings mit einem Sänger aufnehmen und begann gemeinsam mit Bradley an neuer Musik zu arbeiten.

Häufig unterhielten sich die beiden nur über das Leben, ließen sich dadurch zu Songs inspirieren und wurden im Laufe der Zeit Freunde. Obwohl der Sänger oft instinktiv auf seine JB-artigen Einflüsse zurückgriff, war Brenneck entschlossen, Bradleys eigene Stimme zu finden. Die beiden arbeiteten gemeinsam an Texten und Phrasierungen, und im Laufe der Zeit entwickelte sich das, was zu Bradleys bestimmendem Sound werden sollte. Ihre erste Single aus diesen Sessions, “The World (Is Going Up In Flames)”, veröffentlichten sie 2007 – geradezu ekstatisch aufgenommen von Daptone-Fans rund um die Welt. “The World (Is Going Up In Flames)” – mit der herzzerreißenden Ballade “Heartaches and Pain” auf der B-Seite – wurde zur meistverkauften Single von Charles Bradley. Die Singles führten schließlich zur Veröffentlichung von Charles Bradleys No Time for Dreaming im Jahr 2011. Von einem Debütalbum eines 62-Jährigen hatte man bis dato noch nicht gehört, es wurde jedoch von Musikfans und Medien gleichermaßen begeistert aufgenommen. Es war ein geradezu enigmatisches Album – Bradleys gefühlvolle Wehklagen, Schreie und Leidenschaft eingebettet in den den ätherisch zeitlosen Funk der Menahan Street Band. Als sie einige Monate später beim South by Southwest auftraten, standen die Fans Schlange, um Bradley zu sehen. Neben zahlreichen anderen Ehrungen wird No Time for Dreaming als eines der Top-50-Alben des Jahres 2011 im Rolling Stone ausgezeichnet.

Der 2012 veröffentlichte Dokumentarfilm Charles Bradley: Soul of America zeichnete die Kämpfe und Triumphe von Bradleys Leben eindrücklich nach und brachte den charismatischen Sänger Tausenden von Fans näher, die sich ihm bereits sehr verbunden fühlten. Bradleys Stimme schärfte sich auf Tour, Brennecks Studioarbeit verfeinerte sich – schließlich schloss sich das Duo erneut in Brennecks neuem Dunham-Aufnahmestudio ein, um das 2013 erschienene Album Victim of Love aufzunehmen. Das Nachfolgealbum zu No Time for Dreaming erwies sich als noch autobiografischer – Resultat der zunehmenden Verfeinerung des Songwriting-Prozesses von Bradley und Brenneck.

2016 erschien das mit Spannung erwartete dritte Studioalbum von Charles Bradley, Changes. Er widmete es seiner Mutter, die im Januar 2014 verstarb. Mit der brillanten Neubearbeitung von Black Sabbaths Klavierballade von 1972 übertraf Changes erneut die Erwartungen der Fans – sowohl Bradley als auch Brenneck waren auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Charles Bradley war nahezu ununterbrochen auf Tournee und gab Konzerte – anfangs mit der Menahan Street Band und schließlich mit seiner langjährigen Band The Extraordinaires. Er spielte auf sämtlichen großen Festivals: Glastonbury, Primavera Sound, Coachella (zweimal!). Er wurde von den A2IM-Libera-Awards zum Road Warrior und Hardest Working Artist ernannt und das Paste Magazine erklärte ihn zum “Best Live Act of 2015”. Er trat in The Late Show with Stephen Colbert, Conan, Later with Jools Holland und vielen anderen TV-Shows auf, sein Auftritt bei This Morning Saturday auf CBS wurde für einen Emmy für Outstanding On-Camera Musical Performance nominiert.

Bradley befand sich gerade mit Changes auf Tournee in England, als er mit lähmenden Bauchschmerzen in eine Klinik gebracht werden musste. Einige Wochen später wurde bei ihm Magenkrebs diagnostiziert. Trotz intensiver Behandlung tourte Charles ausgiebig und vollendete so viele Aufnahmen wie möglich für das folgende Jahr. Er hatte sich vorgenommen, seinen Fans so viel von sich zu geben wie möglich.

Am 23. September 2017 starb Charles Edward Bradley, umgeben von seiner Familie, Freunden und Bandkollegen.

„Black Velvet“ ist eine Feier seines Lebens und dazu bestimmt, sich neben Charles’ ersten drei Alben in den Kanon der wichtigsten Soul-Platten für die Ewigkeit einzureihen.