Rhymin Simon – Essi Duz it

Rhymin Simon. Ernsthaft? Den gibt es noch? Oder besser, den gibt es wieder? Warum? Ist Rhymin Simon nicht zu wenig Gangster für Deutschrap 2020? Zu wenig Lelele für Deutschrap 2020? Zu wenig Autotune für Deutschrap 2020? Dreimal ja. Bleibt die Frage nach dem Warum. Nun, glaubst Du er hat das Ficken verlernt? Und glaubst Du, es könne im Deutschrap-Zirkus jemanden geben, der mehr Fick gibt als die Westberliner Untergrundlegende Rhymin Simon? Eben. Und keinen Fick geben, ist natürlich stabil, sehr stabil. Aber wo war Rhymin Simon denn die letzten Jahre, nachdem er sich mit dem 2006er Best-of „Bitchmoves – 10 Jahre das Schlechteste von Rhymin Simon“ verabschiedete und nur noch gelegentlich bei den ganz großen der Berliner Rap Szene wie B-Tight oder King Orgasmus One zu hören war? Wo war Rhymin Simon, während Deutschrap gelitten hat und nichts besseres zu tun hatte als zu streiten, wer der King und wer der Boss ist? Tja, wer weiß das schon so genau. Vielleicht hat er sich auf seinen Untergrundklassikern „Mit Pint und Pegel“, „Siegen oder Sterben“, „Egoboost“ und „Kingpintin“ einen runtergeholt. 15 Jahre lang. Potent ist er ja. Nach eigenen Angaben. Oder vielleicht hat er sein großes Vorhaben, alle Mütter Deutschlands zu ficken, wahr gemacht. Und vielleicht ist er damit ja durch, und kommt nur deswegen zurück. Wer weiß das? Aber wie kommt man nach so langer Zeit überhaupt zurück? Was macht man, wenn die Labelheimat nicht mehr existiert? Staiger hat Gerüchten zu Folge ja kurz überlegt, eigens für Rhymin Simon den Royal Bunker wieder zu öffnen. Überlegt. Kurz. Nun, nach eigenen Angaben hat sich Rhymin Simon gegen die ganz großen Angebote (Paris SG soll wohl im Gespräch gewesen sein) entschieden, und ist zum Label mit den glücklichsten Rappern gegangen. Und welcher Rapper ist derzeit glücklicher (als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun als Weed rauchen) und ganz nebenbei produktiver (als würde er den ganzen Tag nichts anderes tun als kein Weed rauchen) als der sympathischste Dude aus Deutschrap B-Tight? Genau, braucht man gar nicht weiter überlegen. Gibt keinen. Und irgendwie scheint sich der Kreis da ein wenig zu schließen, denn neben Sido und Vokalmatador war Rhymin Simon damals, ja damals, mit B-Tight zusammen Teil der legendären Die Sekte. Die Sekte, die Deutschrap dort hingebracht hat, wo er heute ist. Schämen sollten die vier sich. Gefeiert werden sie stattdessen. Ge-fei-ert. Und jetzt? Während Deutschrap 2020 immer noch streitet, ob Bushido oder Fler der krasseste Gangster ist, rollte sich Rhymin Simon gemütlich von zwei bis drei Müttern runter und hat ein neues Album aufgenommen? EIN neues Album? Nein. ZWEI. Verfickt nochmal zwei neue Alben. Essi Duz It und Letzte Liebe. Okay, interessiert nicht, aber wie würde sich der Künstler selber in drei Worten beschreiben? „Rhymin Simon – letzter deutscher Rapper ohne peinlich.“

Essi Duz It / Letzte Liebe

Wie klingt ein Album von Rhymin Simon in 2020? In einer Zeit, in der Gangsterrap anscheinend langsam durch Lelele-autotune-bitte-auf-hundert-drehen-ja-bitte-auch-live-natürlich-brudi abgelöst wird? Un-fuckin-fassbar. „Rhymin Simon – letzter deutscher Rapper ohne peinlich.“ Endlich werden wieder Punchlines gerappt. Und Ihr wisst, keiner hier hat jemals Punchlines so gerappt wie Essi Duz it. Abi – Dipl. – Doktor, Mutter – Schwester – Tochtor. Dicker, das kann man nicht haten, aber bevor Ihr Hater das hatet, Hate the Game. Punshlines also. Und außerdem? Außerdem werden natürlich wieder Stories erzählt. Erzählt, ohne peinlich zu sein, erzählt, als hätte er die letzten 15 Jahre nichts anderes getan. So wird beispielsweise die mit King Orgasmus One begonnene Liebesgeschichte zu Ute und Ilona auf so herzerwärmende Weise endlich aufgeklärt und fortgeführt, als wäre man frisch verliebt. Verliebt. Verliebt, aber irgendwie verboten. Als wäre die Braut ein verbotenes Früchtchen. Habe ich Nazibraut gehört? Endlich werden auch andere Themen im Deutschrap besprochen. Oder herkömmliche Themen besprochen, endlich aus einem anderen Blickwinkel. Wie gravierend sind die Probleme eines Passivkiffers nach Dauerbelastung durch Baba Kush? Endlich nachzuhören. Und während deutsche Rapper ihren – meist geliehenen – AMG über die Strassen jubeln, zeigen Bräute auf dem Rücksitz von Rhymin Simons 20 Jahre alten Volvo die Ergebnisse unbegrenztem Zugangs zu pornografischer Literatur im jungen Alter. Du willst auch? Isn’t.

Und wenn Rhymin Simon mit Essi Duz It ein so unglaubliches Album mit dem zum Schmunzeln einladendem punshlinedurchzogenen Storytelling über das Zwischenmenschliche abliefert, was ist dann mit seiner anderen Seite? Mit dieser Seite, die er zwar viel zu selten, wenn dann aber wie in „Fenstersprung“ so unnachahmlich traurig und direkt erkennen lässt? Nun, dafür gibt es das zweite Album. Letzte Liebe? Letzte Liebe. Wie der Titel es vermuten lässt. Letzte Liebe klingt nach Curse. Nach einem Curse der alt geworden ist – alt wie Torch – wer kennt ihn noch (also Torch, nicht Curse). Letzte Liebe klingt nach einem Curse, der diesmal wirklich Schmerzen hat, der lieber taubstumm wäre, aber trotzdem nach der legendären Eazy E Parole Take That Shit Scheiße fressen muss. Letzte Liebe klingt nach einem Curse, der wirklich neuntausend Probleme mit seiner Frau hatte. Neuntausend Probleme die einen auf der Couch schlafen lassen.  Neuntausend Probleme die eine Frau die Koffer packen lässt, das Kind nehmen lässt und man alleingelassen die alten Bilder zerreisst oder in den Kamin wirft und sich weinend fragte: „ Singst Du jetzt“?. Das ist Schmerz. Schmerz, wie er nur in der Notaufnahme des Kreuzberger Urbankrankenhauses noch greifbarer zu erleben wäre. Und wer guckt nicht gerne zu, wenn ein anderer Mensch Schmerzen hat? Schmerzen, an denen man zu Grunde geht. Und Rhymin Simon geht.

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