OG Keemo fängt am Ende an. Dort, wo sich Verlust und Schmerz in eine besondere Energie umkehren. Wo ein paar Jahre „unterm Radar wie ein Drohnensystem“ die Kraft und die Klarheit bringen, um etwas zu schaffen, das bleibt. Wo Leere war und nun endlich Platz ist für Neues. Es ist 2026. Es ist Berserker-Ära.
Als Berserker werden in unterschiedlichen Quellen aus dem Mittelalter Krieger bezeichnet, die im Kampf in einen Rauschzustand verfallen und dabei weder Schmerzen noch Wunden wahrnehmen. Der Begriff setzt sich aus zwei Teilen zusammen: „serkr“ bedeutet Hemd oder Harnisch, während „ber“ auf das altnordische Wort für „bar“ oder „bloß“ verweist. Ein Berserker zieht also gleichsam ohne Rüstung in die Schlacht, ohne Rücksicht auf Verluste.
Für Karim Joel Martin hat sich in den vergangenen Jahren nicht weniger als alles geändert. Innerhalb kurzer Zeit erlebte er den Tod seiner Mutter, die Geburt seines Sohnes und seinen 30. Geburtstag. Aus everyone’s favorite Newcomer ist tatsächlich ein junger OG geworden, spätestens mit dem Album „Mann Beisst Hund“, das 2022 quasi über Nacht zum Klassiker wurde. Der Junge aus der Siedlung, der mit seinem Style, seiner Stimme und seiner Sturheit ganz Deutschrap in eine Zeitenwende zwang, ist jetzt ein Mann mit Nummer-Eins-Award, mit Features von Haftbefehl und reezy bis Jorja Smith und Griselda – und vor allem mit dieser Erwartung auf den Schultern, etwas Großes abliefern zu müssen. Weil es in ihm ist. Und weil die Welt da draußen es vermutlich dringender braucht als je zuvor.
Aus dieser Perspektive blickt „BERSERKER +“ auf die Welt. Die Wut und die Weitsicht. Das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, und die Gewissheit, gewinnen zu müssen, für die, die noch da sind. Ein Ende, unwiederbringlich, und ein Anfang zugleich.
Es sind nur fünf Tracks auf „BERSERKER +“. Aber in ihnen steckt alles, was die Kunst von OG Keemo und dem anderen Mitglied dieser Band, Funkvater Frank, einzigartig in der deutschen Rap-Landschaft macht. Der Sog ihres Sounds, irgendwo zwischen Nineties-Nostalgia und Drums aus einer nicht allzu fernen Dystopie. Frankys Finesse für Samples und Referenzen von Library Music bis Jersey Club. Keemos Gabe, Wörter zu finden, die gleichzeitig wie abstrakter Expressionismus klingen und wie ein nüchternes Ergebnisprotokoll. Und diese ganz spezielle Chemie zwischen den beiden, die jedem noch so flüchtigen Moment, jedem Sample-Fetzen, jedem Störgeräusch, jedem Augenblick der Stille eine Aura von Tiefe und Zwangsläufigkeit verleiht.
Über die gut zwölf Minuten der EP fügen sich einzelne, vermeintlich unzusammenhängende Szenen nach und nach in ein schlüssiges Master-Narrativ. Immer wieder sind weitere Stimmen zu hören, von Ramzey (der selbst auf Funkvater Franks Label Funkloch veröffentlicht), der Sängerin maïa oder Deutschrap-Legende Azad, der als Erzähler im Berserker-Modus die Dramaturgie der EP zusammenhält. Vor allem aber kann man OG Keemo dabei zuhören, wie er sich durch seine persönlichen Traumata und den Nihilismus unserer Zeit kämpft, in gefühltem Vertigo, immer an der Grenze zwischen Depression und der Hoffnung, dass es sich lohnt, für ein besseres Leben zu kämpfen – zumindest aber für besseren Rap. Der abschließende Song „Blind“ ist dabei Bestandsaufnahme und Ansage in einem, ein Fazit nach zehn Jahren Rap und ein Mission Statement für das, was da kommt. Die Baggy bleibt weit und in den Taschen ist Platz. Gleichzeitig will Keemo einfach nur in Ruhe mit seinem Sohn hängen und Kunst schaffen, die den ganzen Schmodder in deinem Feed als das entpuppt, was er ist.
„2026 wird unangenehm“ heißt es an einer Stelle des Songs. Und OG Keemo fängt am Ende an.
2026 wird Berserker-Jahr.
