MKZWO Magazin

United for Africa - Im Gedankenaustausch mit Gentleman & Nosliw

“Musik kann politisch sein, aber Politik nicht musikalisch!” Afrika - Ein Hilfeschrei, ein Schrei nach Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und nach kultureller Identifikation.

Einer der letzten heißen Sommerabende in Berlin, gemütliches Beisammensitzen auf der Wiese, ein leicht süßlicher Geruch in der Luft,einfach nur ein total entspanntes Feeling. Aber momentmal das Event findet ja drinne statt. Schade eigentlich, aber woher soll man auch nach so einem August wissen, wie der September wird. Drinne sieht es mit der Luft und der Temperatur natürlich anders aus: Schweiß tropft von der Decke und leicht stickig ist es. Der süßliche Geruch ist allerdings der Selbe, und kommt einem seltsam bekannt vor.

Unter dem Motto: „UNITED FOR AFRICA - Lass uns was machen“ und in Kooperation mit dem Jugendprojekt Reggae Nation Germany, startete am 03.09.2011 diesen Jahres im Tempodrom, in Berlin Kreuzberg, ein Benefizkonzert. Für welches unter anderem Nosliw, Tamika & Mamadee, Ephraim Juda, Mighty Tolga, Ganjaman und Gentleman performten. Gemeinsam für Afrika, eine Kampagne bestehend aus mehreren Hilfsorganisationen, welche direkt Vorort, den AfrikanerInnen helfen, ihren schweren Alltag zu erleichtern und deren Potentiale in den Vordergrund zu stellen.„Direkt Vorort“, genau das sei es was zählt um etwas Derartiges effektiv zu gestalten. So die Meinung von Nosliw auf die Frage hinsichtlich der Realisierbarkeit dieses Vorhabens. „Viva con Aqua“, ebenfalls mit an Bord, sammelte natürlich wieder so einige Pfandbecher und Pfandflaschen, um die am notwendigsten benötige Ressource der Menschheit, Wasser, auch in Afrika zu fördern. Eine also durch und durch unterstützenswerte Veranstaltung, vor dem Hintergrund der Hungerkatastrophe in Somalia und den Revolutionen in Nordafrika. Die Problematik, die allseits bekannt ist, jedoch immer noch im Schatten des alltäglichen Lebens der regierenden Länder vergessen wird. Grund genug, um auf diesen Kontinenten aufmerksam zu machen.

19:00 Uhr, Berlin-Kreuzberg/Tempodrom.

Ich hatte die Gelegenheit mit Nosliw über die politischen Inhalte dieser Veranstaltung zu sprechen. Seine kleine Tochter war ebenfalls die ersten Minuten mit dabei, dies machte die Situation für mich entspannter und die Nervosität vor dem ersten Interview ging zurück. Nach diesem vor allem spontanen Gespräch, ging ich wieder zurück in die Lounge und bestellte das Getränk des Abends, nämlich Baola. Ein Fairtradeprodukt auf der Basis der afrikanischen Baobab-Frucht. Anschließend kamen etliche Stars des Events in die Lounge und sammelten Kräfte, vor oder nach ihrem Auftritt. Unter anderem war Gentleman mit von der Partie. Das war die Gelegenheit, um seine Ansicht über die politischen Verhältnisse in Afrika zu erfahren. Er war tatsächlich einverstanden und nahm sich die Zeit zwischen dem Interview der TAZ und dem des ZDF. Die Nervosität war kaum aushaltbar und dennoch ermutigte er mich mit seiner absolut lässigen und überaus freundlichen Art. Es entwickelte sich eine hervorragende Gesprächskultur, wenn auch nur für einen zeitlich begrenzten Augenblick. Nach diesen unglaublichen Ereignissen, war meine Aufregung vor dem Konzert minimal. Nosliw lieferte die beste Liveshow ab, die ich bisher von ihm sah und spielte eine Reihe neuer Tracks wie „Nazis raus“ und „Yeah yeah yeah“, aber auch die Klassiker wie „Musik“, „Wie weit“, „Nur dabei“ und „Nicht mehr da“. Seine Statements waren absolut passend hinsichtlich des Anlasses und die Stimmung einfach nur galaktisch. Sein emotionales Pendant mit „Nicht mehr da“, raubte mir fast den Atem. Nach einer Pause von ca. 20 Minuten kam der langersehnte Hauptact endlich auf die Bühne.

Gentleman mit seiner Evolutionband, mit Tamika & Mamadee und weiteren Specialguests. Ein Auftritt, nein nicht nur ein Auftritt, sondern eine Show mit Tanzeinlagen und geballter Frauenpower. Seine Songs waren natürlich sehr vielfältig, aber ergaben im Gesamtkontext eine Einheit. Ebenso wie Wolfgang Niedecken, einer der Specialguests, und Gentleman zusammen auf der Bühne eine Einheit ergaben. Zwischen seinen musikalischen Glanzleistungen und seinen politischen Äußerungen, blieb auch noch Zeit fürs Stagediving. Er sprach sogar einen Aspekt unseres vorherigen Interviews an: „Facebook hat sicherlich auch gute Seiten, beispielsweise hinsichtlich der Vernetzung von BloggerInnen während der Revolution in Tunesien, jedoch entfällt durch Facebook die face-to-face Kommunikation und Freundschaften werden nur noch übers Internet gepflegt.“, so unserer Konsens.

Zu den politischen Inhalten Afrikas - und was hat das mit Reggae-Musik zu tun?

Eine korrupte Welt, die verhindert, dass die afrikanische Kultur sich gleichermaßen die Emanzipation anmaßen kann. Babylon - die korrupte Welt, die ein jeder der in seinem Leben schon einmal Reggae gehört hat kennt, um die geht es hier.

Inwiefern kann also Reggae-Musik zur Aufklärung über Afrika und der dort anhaltenden heißen Luft, ihren Part bei tragen?

„Es werden Missstände aufgedeckt und außerdem besteht ein direkter Bezug zu Jamaika, dem Herkunftsland des Reggae. Das ist quasi der Tenor dieser Szenemusik.“, dies zum Punkto Aufklärung von Nosliw. Des weiteren sei diese Szene noch relativ klein, vor allem hier in Deutschland. Im gesamtheitlichen Kontext betrachtete Gentleman die oben genannte Frage: „Musik bewirkt immer eine gewisse Art Veränderung. Zusätzlich ist Musik die Begleitung der Revolutionen. Musik kann politisch sein, aber Politik nicht musikalisch!“ Sowohl Nosliw, als auch Gentleman verbinden sehr viel mit Afrika. „Allein die Tatsache, dass Afrika der Ursprung des Lebens ist, verpflichtet uns für diesen Kontinenten friedlich einzutreten.“, so Gentleman. Die persönlichen Assoziationen der beiden Künstler mit Afrika, sind zum Einen familiär bedingt und zum Anderen gibt es das Verlangen einen in Etwa vergessenen Kontinenten wieder ins Leben zu rufen. Gentleman plant hinsichtlich dessen, eine Afrika Tour für die kommenden Jahre. Der Song „Africa must wake up“ von Nas und Damian Marley, der natürlich auch den beiden Künstlern Nosliw und Gentleman bekannt ist, thematisiert gesellschaftliche und politische Stärken und Schwächen Afrikas. Der Titel stellt eine Art Motivation dar, aber auch eine gewisse Verpflichtung. Eine Verpflichtung für die Menschen, die dort leben, aber auch eine Verpflichtung für diejenigen, die die finanziellen Mittel haben.

Was kann Afrika demnach selbst verbessern und was hat sich bereits zum Positiven hin verändert?

Nosliws Ansicht bezüglich dieser Fragestellung lautete folgendermaßen: „Am Beispiel von Nordafrika sieht man, dass sich die Veränderungen aus dem Volk heraus emanzipieren müssen. Aber natürlich müssen die westlichen Mächte auch im Sinne der afrikanischen Bevölkerung bereit sein, Hilfe zu leisten. Konkret bedeutet das für uns, die Aufgabe die Korruption im Alltag zu verhindern, beispielsweise durch den Konsum. Man muss einfach nur darauf achten, Fairtradeprodukte zu kaufen.“ Für Gentleman sei der Titel „Africa must wake up“ zunächst eine Vision. Jedoch sei der Anfang bereits gemacht worden, nun käme es darauf an, dass dies flächendeckend und auf einer langfristigen Basis geschehe. „Krieg zu schüren ist wesentlich einfacher, als Frieden zu erhalten. Genau das ist die Herausforderung, der man sich stellen muss.“, so Gentleman. Die Demokratisierungsprozesse in Afrika, die nun und schon seit längerer Zeit gegenwärtig sind und keineswegs wieder wegzudenken, haben die Sicht auf den Umbruch in gewisser Weise verändert.

Muss nun nicht viel eher die restliche Welt aufwachen, um Afrika und nicht nur Nordafrika zu helfen?

Gentleman sagte:„Zunächst ist es wichtig zu benennen, dass das Umdenken in Afrika sich bereits durch die Globalisierung verstärkte. Trotzdem kann man hier nicht verallgemeinern, denn auf der einen Seite gibt es viel Leid und auf der anderen Seite viel Lebensfreude. Es gibt Leute, die die Unterdrückung nicht wahrhaben wollen und deshalb den Frieden unbedingt erhalten und stabilisieren möchten.“ Die Konfliktsituation zeige doch, dass der Umbruch auch kritisiert würde, so sein Resultat. Natürlich kann man Afrika nicht einseitig betrachten und man muss vor allem darauf achten die bereits bestehenden Vorurteile und Klischees nicht zu zementieren, deshalb hier nochmal der Einschub: Wir sprechen von dem Afrika oberhalb der Sahara. Nordafrika, die Welt, die sich historisch sowieso eher an Europa orientiert. Hier die differenzierte Betrachtung von Nosliw, dessen Wurzeln in Senegal verankert sind: „Man nehme beispielsweise das Thema Menschenrechte. Hier haben die westlichen Mächte ganz klar versagt, denn man kann keinen Handel betreiben, mit Leuten die wichtige moralische Maßstäbe nicht vertreten.“ Des Weiteren würde die Reaktion auf die revolutionären Ansätze viel zu lange dauern, so Nosliw. Dies sehe man an der Zahl der Toten in Nordafrika, was wiederum daran liegen könnte, dass man Bewegung an einem Ort hat, den man nicht wirklich kenne. „Die westliche Industrie ist nicht nachhaltig genug. Es findet zu viel Korruption statt. Man könnte Kampfschiffe der Nato dahernehmen und sie als Hilfsschiffe fungieren lassen.“ Seiner Ansicht nach, seien die Möglichkeiten in jedem Fall vorhanden, nur der Aspekt, dass Geld die Welt regiert, verhindere jegliches Vorankommen. Die Bewohner Afrikas, die ihren eigenen Weg zur Demokratie, ihre eigene faszinierende Geschichte und eine wunderschöne und reiche Kultur besitzen, haben noch ein sehr wesentliches Potential. Die starken Frauen aus Afrika, sind wirklich wesentlich um die instabile Lage zu stabilisieren, um Kinder zu erziehen und um das Positive in vielerlei Situation hervorzuheben.

Aber wie weit reicht dort die Emanzipation?

Gentleman unterscheidet konträr hierzu: „Das Beispiel der Frauen in Afrika zeigt, dass es viele und auch wichtige Unterschiede gibt. Sprich, Frauen werden im Norden ganz anders angesehen als im Süden. Wobei sie im Süden vorrangig eine Wertschätzung erfahren und im Norden die Unterdrückung spüren.“ Nosliw hingegen kommt ein weiteres Mal auf die Korruption zu sprechen, die anscheinend auch innerhalb dieser Thematik ihren Platz findet: „Es fehlt die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Emanzipation muss gleichermaßen mit den demokratisch-moralischen Maßstäben sich entfalten.“ Zudem gäbe es, wenn Frauen in diversen politischen Gremien säßen, weniger Korruption. Deutschland sei ein schlechtes Beispiel hierfür, aber natürlich schätze er das emanzipierte Auftreten.

Insgesamt sind Gentleman und Nosliw auf den Entschluss gekommen, dass Frauen grundsätzlich gegen die Anwendung von Gewalt sind und deshalb gerade für die afrikanische Gesellschaft von ungeheurer Bedeutung. Die bestehenden Missstände Afrikas wurden ganz klar genannt und auch ein eventueller Lösungsansatz angedeutet. Das Einzige, was mir an diesem Abend fehlte war der Song „Liebe“ von Nosliw und Gentleman, aber man kann ja auch nicht alles haben!;)